Innovative Landwirtschaft Ostfriesland

Innovative Landwirtschaft Ostfriesland: Die regionale Landwirtschaft im Fokus

Aurich, 23.11.2023

Für die Landwirtschaft wird es immer schwieriger, Nahrungsmittel ressourceneffizient im Rahmen des nationalen und internationalen Wettbewerbs zu produzieren und gleichzeitig wachsende Anforderungen im Bereich des Klima-, Arten- und Naturschutzes sowie der gesellschaftlichen Akzeptanz auf regionaler Ebene zu erfüllen. Das nun zum Abschluss gebrachte Projekt „Innovative Landwirtschaft Ostfriesland“ (ILO) war darauf ausgerichtet, neue Formen des Dialogs sowie der Kooperation zwischen allen Akteuren des ländlichen Raumes und der landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten zu schaffen – insbesondere zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Praxis –, um Zielkonflikte zu entschärfen und gemeinsam Innovationen in der Praxis zu implementieren. ILO setzt dabei im Kern auf kollaboratives Lernen bzw. kollaboratives Schaffen von Innovationen, also auf einen Austausch auf Augenhöhe, mit dem Ziel, Wissen zu generieren und Veränderungen anzustoßen.

Schlüsselakteure für den Wissensaustausch

Bei der abschließenden Lenkungskreissitzung im prunkvollen Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft begrüßt Manfred Tannen, Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LHV) und Lenkungskreisvorsitzender, die Lenkungskreismitglieder aus Verbänden, Politik, Wissenschaft, Praxis und Verwaltung. „Das Projekt begann mit der Identifizierung der Schlüsselakteure in der Region, um die Netzwerke aufzubauen und zu festigen – und diese Schlüsselakteure sind Sie, die hier sitzen“, so Projektleiter Simon Schoon vom Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen. Der Austausch sollte vor allem den Wissensstand der Akteure vor Ort verbessern, auch über die Landesgrenzen hinaus. Dies sei sehr gut gelungen, so Tannen, und insbesondere mit den Niederlanden habe sich ein langfristiger Wissensaustausch gefestigt, der über das Projektende hinaus fortgesetzt werden soll.

Wie können nun Landwirte beim Lernen unterstützt, neues Wissen generiert und dieses Wissen in die Praxis überführt werden? Schon bei der Auftaktveranstaltung wurden gemeinsam mit allen Akteuren bereits erste Innovationsbedarfe und relevante Themenfelder gesammelt. Unter anderem wurde dabei der Ansatz einer stofflichen Verwertung von Grünlandbiomasse als Rohstoff für die Papierindustrie vorgeschlagen, welcher in einer späteren Veranstaltung in der Papierfabrik der Firma Klingele in Weener erfolgreich auf ihre Praxistauglichkeit diskutiert wurde.

Moorklimaschutz und Landwirtschaft in Ostfriesland

Darauf aufbauend wurden Farmwalks, Cross-Visits und Fachveranstaltungen organisiert. Letztere dienten der Wissensvermittlung in den spezifischen Themengebieten „Photovoltaik auf landwirtschaftlich genutzten Flächen“ sowie „Moorklimaschutz und Landwirtschaft“ und boten den Teilnehmern die Gelegenheit, die Wirtschaftlichkeit und Umsetzbarkeit von Nutzungsalternativen verschiedener Photovoltaiksysteme wie z. B. Agri-PV-Anlagen sowie die Herausforderungen bei der Vereinbarung von landwirtschaftlicher Bewirtschaftung und Moorklimaschutz zu diskutieren.

Dies ist besonders deshalb von Bedeutung, da die Region Ostfriesland viele Moorstandorte aufweist und es den Landwirten derzeit an praxistauglichen Alternativen zur etablierten landwirtschaftlichen Bewirtschaftung von Moorstandorten bzw. kohlenstoffreichen Böden fehlt. Im Rahmen verschiedener Veranstaltungen wurden daher Ansätze für eine klimaschonendere landwirtschaftliche Bewirtschaftung von Moorstandorten z. B. durch eine Teilvernässung mittels Unterflurbewässerung besichtigt und diskutiert.

Das Thema Moorschutz und Moorbewirtschaftung wurde auch bei dem Besuch des Moorinnovationszentrums (Veenweiden Innovatiecentrum) in den Niederlanden weiter thematisiert. „Die Niederländer haben ähnliche Probleme, gehen aber zum Teil anders damit um“, meint Projektleiter Schoon. „Niederländische Forschungs- und Praxisansätze versuchen Landwirtschaft und Moorklimaschutz stärker in Einklang zu bringen, während in Deutschland der Fokus momentan mehr auf Moorrenaturierungen liegt“.

Einbezogen wurden die ostfriesischen Landwirte zwecks „Peer-to-Peer“-Learning dafür in den verschiedenen Farmwalks innerhalb des ILO-Projektes. Neben der klimaschonenden Grünlandbewirtschaftung und Überlegungen dazu, wie Treibhausgasemissionen im Rahmen einer standortangepassten Bewirtschaftung auf kohlenstoffreichen Böden kurzfristig gesenkt werden könnten, trafen sich interessierte Praktiker und Berater noch zu zahlreichen weiteren Themen, aus denen Innovationsbedarfe für die Region identifiziert werden konnten.

Agroforstsysteme

So wurden u. a. die Vorteile von Agroforstsystemen diskutiert: Sie erlauben die Mehrfachnutzung von Grünland z. B. in Kombination mit Weidehaltung, Naturschutzmaßnahmen, Direktvermarktung oder erneuerbaren Energien, können Bodenverbesserung (Humusaufbau) bewirken und Nützlinge anlocken sowie einen Beitrag zu Klimaanpassung leisten. Allerdings sind derzeit die Förderbedingungen aus Sicht der Veranstaltungsteilnehmer nicht attraktiv genug, um diese erfolgreich im Betrieb etablieren zu können. Ähnlich verhält es sich mit dem Wiesenvogelschutz, der sich grundsätzlich gut mit Weidehaltung kombinieren lässt, dessen Förderungen allerdings als unzureichend und die Erfolge bei den Maßnahmen als wenig greifbar wahrgenommen werden.

Aufbringung von Flusssedimenten zur Bodenverbesserung

Ebenfalls Potenzial, aber in der Praxis noch schwer umsetzbar, ist eine Bodenverbesserung durch Aufbringung von Flusssedimenten. Dieses Verfahren, das bisher planerisch und technisch sehr aufwändig und zeitintensiv ist, muss für den breiteren Einsatz in der Praxis kleiner skalierbar werden. Die Teilnehmer waren sich aber einig, dass die Aufbringung von Flusssedimenten eine erhebliche und langfristige Verbesserung der Bodenqualität landwirtschaftlicher Flächen bewirken und diese anpassungsfähiger an den Klimawandel machen kann. Sie bietet zudem möglicherweise auch Chancen, kohlenstoffreiche Böden dauerhaft effektiv zu schützen und vollständig in der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zu halten.

Tierwohl und Weide: die Milchviehhaltung

Beim Thema Milchviehhaltung lag der Fokus neben Tierwohl und Tiergesundheit vor allem auf Weidehaltungssystemen. Weidehaltung, die von der Bevölkerung und Politik grundsätzlich positiv wahrgenommen wird, ermöglicht die effiziente Nutzung von Grünlandstandorten und kann besonders bei Vollweidehaltung nach irischem Vorbild zusammen mit kraftfutterreduzierter Fütterung ökonomisch vorteilhaft sein. Dafür sollten ausreichend arrondierte Flächen, eine Kuhherde mit weideangepasster Genetik sowie entsprechendes Fachwissen vorhanden sein – auch in Bezug auf weidespezifische Tierwohl-Indikatoren. Herausforderungen für Weidehaltungssysteme könnten jedoch eine zunehmende Wolfspopulationen in Ostfriesland und eine mangelnde Verfügbarkeit von geeigneten, arrondierten Flächen sein. Eine bessere Vereinbarkeit von Weidehaltungssystemen mit modernen automatisierten Fütterungs- und Melksystemen könnte Weidehaltung für viele Milcherzeuger wieder attraktiver machen und einen Wettbewerbsvorteil bieten, wie beim Farmwalk „AMS und hohe Weidefutteraufnahme“ deutlich wurde.

Weidemast & Effektive Mikroorganismen: Die etwas anderen Ansätze

Einen alternativen Bewirtschaftungszweig bietet die Weidemast mit dem Deutschen Schwarzbunten Niederungsrind. Das Weidefleischprogramm kombiniert kostengünstige, extensive Weidemast der Zweinutzungsrasse DSN mit hochpreisiger Vermarktung an Großhandel und Gastronomie und bietet insbesondere auf ostfriesischen Grünlandstandorten gute Möglichkeiten zur extensiven Nutzung und zur Kombination mit Naturschutzmaßnahmen.

Ein anderer Ansatz ist der Einsatz von Effektiven Mikroorganismen in der Grünlandbewirtschaftung. Diese können Verbesserungen für das Stallklima, die Tiergesundheit, die Futter- sowie die Güllequalität bewirken und durch Anregung des Humusaufbaus auch die Bodenqualität verbessern. Effektive Mikroorganismen bieten möglicherweise große Potenziale zur Reduktion von THG-Emissionen in der Tierhaltung und der Bodenbewirtschaftung.

Die Konfliktbereiche Klimaschutz, Klimaanpassung und Erneuerbare Energien

Im Rahmen der abschließenden Priorisierung der wichtigsten Innovationsbedarfe für die Grünlandregion Ostfriesland kamen die Lenkungskreismitglieder dabei zu dem Schluss, dass für die Landwirtschaft besonders in den Konfliktbereichen Klimaschutz, Klimaanpassung und Erneuerbare Energien zusätzliche innovative Lösungsansätze benötigt werden, um bestehende Zielkonflikte erfolgreich zu lösen.

„Die vielen Themen, die in unserem Projekt angerissen wurden, bieten natürlich nur Ansätze und müssen nun konkreter für die Region Ostfriesland in Bezug auf ihre Relevanz weiterdiskutiert werden“, meint Projektleiter Schoon. Und auch Ulf Thiele, MdL CDU-Landtagsfraktion Niedersachsen, betont, dass konkret festgelegt werden müsse, an welchen Punkten weitergearbeitet wird und welche Organisationen in der Region dies übernehmen können, damit so ein Projekt nicht ins Leere laufe. Rudi Bleeker, Geschäftsführer beim Landwirtschaftlichen Hauptverein in Leer, fügt außerdem hinzu, dass zwischen Innovations- und Handlungsbedarf unterschieden werden müsse. Während bei der Moorwiedervernässung vor allem ein Innovationsbedarf bestehe, weil es noch nicht viele Alternativen gäbe, bestehe im Bereich Naturschutz eher Handlungsbedarf zur Umsetzung bereits entwickelter Lösungsansätze und Kooperationsmodelle.

Nach der Identifizierung der Bedarfe kommt die Umsetzung

Wie geht es nun nach Ende des Projektes weiter? Die Mitglieder des Lenkungskreises sind sich einig, dass die hervorragende Netzwerkarbeit aufrechterhalten und die identifizierten Innovationsbedarfe – insbesondere in den Bereichen Klimaschutz und Klimawandel, Erneuerbare Energien und Naturschutz – über das Projekt weiter vorangebracht werden sollten. Dafür sei es wichtig, so Lenkungskreisvorsitzender Tannen, bereits bestehende Ansätze und laufende Projekte zu kennen, um an sie anknüpfen zu können. Dafür wollen die Mitglieder des Lenkungskreises mit dem konkreten Ziel, die Themenfelder langfristig zu begleiten und Verantwortlichkeiten zur Umsetzung zu benennen, auch über das Projektende hinaus zukünftig in einem ähnlichen Format zusammenkommen. Mit diesem vielversprechenden Ausblick in die Zukunft schließt Manfred Tannen die Sitzung und bedankt sich noch einmal bei allen für den „tollen Austausch“.