Dr. Sebastian Pagenkemper (links), Bodenkundler und im Grünlandzentrum für Moor- und Wasserschutz zuständig, erläutert mit den Gymnasiasten spielerisch den Treibhauseffekt. Foto: Grünlandzentrum

Brake, 27. Januar 2020. Es ist derselbe Weg, auf dem im kommenden Frühjahr zweihundert Milchkühe freudig vom Stall zur Weide rennen werden, wenn sie das erste Mal nach der Wintersaison wieder nach draußen dürfen. Jetzt ist dieser Pfad nass und matschig, ungeeignet für die sommerlichen Turnschuhe, mit denen einige wenige Schüler des Gymnasiums Brake an diesem kalten Januartag auf den Bauernhof der Familie Holthusen gekommen sind.

Die übrigen der 28 Gymnasiasten im Alter von 16 bis 18 Jahren aber tragen hohe Winterschuhe oder Gummistiefel, in denen sie nun tapfer Dr. Sebastian Pagenkemper auf die Fläche folgen, um dort mit Spaten und Flügelbohrer den Boden näher zu untersuchen. Sebastian Pagenkemper ist Bodenkundler und im Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V., das diese Exkursion der Biologieschüler organisiert hat, vor allem für Moor- und Wasserschutz zuständig. „Wir stehen hier auf Niedermoor“, erklärt er den jungen Leuten, die einen Halbkreis um ihn gebildet haben. Während er vorsichtig die feuchte Probe Torf in seinen Händen zerkrümelt, sagt er: „Unsere Moorböden sind als Kohlenstoffspeicher für das Klima extrem wichtig.“

Sebastian Pagenkemper ist an diesem Schultag nur einer von mehreren Experten, die sich für die Biologieschüler Zeit genommen haben und ihnen vor Ort vier Themen vorstellen: Biodiversität, Tierwohl- und Tiergesundheit, Klima und Grünland, Nährstoffflüsse und Wasserschutz. „Das ist sehr viel Input heute, aber gut zu verstehen. Vieles davon wussten wir vorher noch nicht“, räumt Alen (18) stellvertretend für seine Mitschüler ein. Das zweite Schulhalbjahr hat gerade erst begonnen, Ökologie und nachhaltige Entwicklung sind ein Kernthema in dem 12. Jahrgang. „Der heutige Einstieg in die Thematik ist ein Gewinn für die Schüler“, sagt Lehrerin Katrin Bischoff begeistert: „Dass sie hier in der Praxis erleben können, was wir in der Theorie vermitteln, ist goldwert.“

Dem Engagement von Katrin Bischoff und ihrem Mann Patrick, die beide am Gymnasium Brake Biologie unterrichten und heute mit Söhnchen Mattis (1) der Kälte trotzen, ist es zu verdanken, dass die Zusammenarbeit zwischen Schule und Grünlandzentrum so lebendig ist. Alle Schüler nehmen freiwillig an dem Projekt teil, das Ziel ist hoch gesteckt: Beim Weideaustrieb des Grünlandzentrums am 4. April 2020 stellen die 16- bis 18-Jährigen die Themen aus Klima, Umwelt, Grünland und Tierschutz in kleinen Erklärvideos und auf Postern der Öffentlichkeit vor. Damit sie gut vorbereitet sind, hat Sandra Honegger, Organisatorin der Kooperation im Grünlandzentrum, heute ihre Kollegen als Fachreferenten eingeladen. „Mir ist es ein großes Anliegen, dass die jungen Leute die Möglichkeit haben, die komplexen Zusammenhänge der Landwirtschaft vor Ort zu erleben“, begründet sie.

Einige Schüler reservieren sich sogleich für ihre Gruppe das Thema „Biodiversität“, das Mathias Paech, im Grünlandzentrum Koordinator des jüngst von der UN-Dekade Biologische Vielfalt auszeichneten Projektes „Biotopverbund Grasland“, anschaulich erklärt hat. Er wirft einige Folien auf eine Leinwand, die Landwirt Heiko Holthusen kurzerhand aus dem zugigen Heulager in eine Garage gebracht hat. Zwei Heizöfen verbreiten dort Wärme, welche die Schüler, Lehrer und Referenten dankbar aufsaugen. Zusammen mit Paech diskutieren sie intensiv, warum Artenvielfalt überlebenswichtig ist und wieso Lebensraumveränderungen, Klimawandel und ein Zuviel an Nährstoffen in Boden und Wasser Gefahren für die Biodiversität darstellen.

Fachvokabular wie Biodiversität, Düngeverordnung, Nitratrichtlinie und Eutrophierung erarbeiten die Experten aus dem Grünlandzentrum zusammen mit den Schülern, so dass alles gut verständlich ist. Den Treibhauseffekt zum Beispiel lässt Sebastian Pagenkemper einige Schüler spielerisch darstellen. „Landwirtschaft ist angewandte Wissenschaft und hat viel mit Biologie und Chemie zu tun“, weiß Franz Jansen-Minßen vom Grünlandzentrum. Mit Blick auf die derzeit vielerorts laufenden Trecker-Demonstrationen sagt er an die Schüler gerichtet: „Es ist wichtig, dass wir einen faktenbasierten Dialog führen. Dazu brauchen wir interessierte junge Menschen wie ihr es seid.“

Als es um Tierwohl und Tierschutz geht, nehmen der Nordenhamer Tierarzt Dr. Hardwig Timm und die Tierschützerin Stefanie Pöpken von ProVieh die Schüler mit zu den Kühen. Sie erzählen den jungen Leuten vom Strukturwandel, der dazu führt, dass immer weniger Kühe auf den Weiden stehen. Auch deshalb, weil Tiere im Stall „leichter zu managen“ seien. Bis zu zehn Kilometer legten Kühe am Tag auf der Weide zurück, erzählt Stefanie Pöpken: „Jeder weiß, dass Bewegung gut für die Gesundheit ist.“ Dann fragt sie in die Runde, wer denn schon einmal Weidemilch gekauft habe und stößt damit eine Diskussion an. Dass jeder Verbraucher mit seinem eigenen Kaufverhalten zum Erhalt der Weidehaltung beitragen kann, lässt die Schüler nachdenklich werden. „Dieser Zusammenhang war mir vorher gar nicht so bewusst“, gesteht Cem (17) beim Verlassen des Hofes am frühen Nachmittag. Am 4. April wird er zusammen mit den anderen Biologieschülern wiederkommen. Dann präsentieren sie ihre Filme und Poster beim öffentlichen Weideaustrieb des Grünlandzentrums auf großer Bühne.

Weiterführende Informationen: www.gruenlandzentrum.de

Kontakt:

Simone Wiegand, Presse & Öffentlichkeitsarbeit
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