Grünlandzentrum holt irischen Weideexperten nach Norddeutschland um direkt vor-Ort mit Landwirten über Möglichkeiten der Übertragbarkeit des irischen Weidesystems zu diskutieren.

Irland – die grüne Insel. Ohne die irischen Milchbauern und Milchbäuerinnen wäre sie wohl kaum überall für ihre leuchtend grünen Wiesen und Weiden bekannt. Die irischen Landwirte gehören zu den besten Weide-Managern der Welt und haben die Beweidung perfekt auf das Graswachstum abgestimmt. Sie kennen ihre Flächen genau, die Kühe stehen fast das ganze Jahr auf der Weide und erhalten nur sehr geringe Mengen Kraftfutter. Dadurch ist das System auch bei geringen Milchpreisen noch lukrativ und bei deutschen Milchbauern und -bäuerinnen inzwischen ebenso berühmt wie das irische Bier. Wenn sich dann ein irischer Milchbauer und Weideexperte nach Norddeutschland begibt, um über das irische Weidesystem zu sprechen, stößt dies bei den deutschen Landwirten natürlich auf ein breites Interesse. ­

Im Rahmen des Projektes Weidecoach unter der Leitung von Lena Dangers hatte das Grünlandzentrum den Weideexperten Sean O’Lionaird eingeladen. Zahlreiche Landwirte kamen nach Ovelgönne, um mehr über die Weidewirtschaft in Irland zu erfahren. Das Weidecoach-Projekt soll norddeutsche Landwirte dabei unterstützen, ihre Weideflächen wieder besser zu nutzen und mehr Milch aus Gras zu gewinnen. Sean O’Lionaird berichtete von dem irischen System und diskutierte mit den Landwirten aus der Wesermarsch, ob und wie das irische Weidesystem auch in Norddeutschland umgesetzt werden kann. Manchmal wurde die Diskussion so lebhaft, dass die Veranstalter mit der Übersetzung kaum hinterherkamen. Wenn es um Themen ging, die hier wie dort die Gemüter stark bewegen, verstanden sich die Landwirte und Sean O’Lionaird auch ohne Übersetzung. Schwierigkeiten bei der Düngerausbringung oder mit Nachbarn die einem die direkt vor der eigenen Haustür liegende Weide partout nicht verkaufen wollen, kennen alle.

Das Grundprinzip einer effizienten Weidenutzung besteht darin, den Aufwuchs einer Fläche regelmäßig zu messen und dann den Kühen genau so viel Weide zuzuteilen, wie sie brauchen. So wird fast kein Gras zertreten, wie es bei der in Norddeutschland vorherrschenden Standweide leider häufig der Fall ist. Die irischen Kühe kommen im Idealfall alle 1 bis 2 Tage bei einem Ertrag von 1500 kg TM/ha auf eine neue Fläche. Die Weideflächen eines irischen Bauernhofes sind perfekt in sogenannte Paddocks, das sind die einzelnen Schläge, aufgeteilt, zu denen gut angelegte und befestigte Treibewege führen. In Irland gibt es Firmen, die für die landwirtschaftlichen Betriebe die ideale Anordnung der Paddocks und Wege berechnen. In Deutschland ist die Milchproduktion im Wesentlichen ausgerichtet, möglichst hohe Leistungen pro Kuh zu erzielen, während es in Irland darum geht „jedes Blatt in Milch umzusetzen“ und das Verhältnis kg Milch/ha zu beachten, wie ein Landwirt zusammenfasste.

Die größte Herausforderung sahen die Landwirte in den Trittschäden, die insbesondere auf Moor- und Marschböden bei hohen Niederschlagsmengen entstehen. Sean O’Lionaird sagt: „The limiting factor is the farmer, not the soil“. Probleme können gelöst werden, man muss nur wissen wie.

Neben den festen Treibewegen, die neben den Paddocks verlaufen, muss man weitere Besonderheiten beachten. So ist es auf nassen Flächen wichtig, den Kühen immer erst den hinteren Teil eines Paddocks zur Verfügung zu stellen. Dadurch wird vermieden, dass Tiere über bereits abgefressenes Gras getrieben werden und Strukturschäden verursachen. Erst wenn der Paddock hinten abgefressen ist, kommen sie auf den vorderen Teil, der hintere Teil wird wieder geschlossen. Bei sehr schlechtem Wetter wird „on-off grazing“ praktiziert: Die Kühe werden nur für drei Stunden auf einen Paddock gelassen, nehmen dort bis zu 90% ihres Bedarfs auf um dann zurück in den Stall zu kommen und dort das Ergänzungsfutter zu bekommen. Dies kann natürlich nur funktionieren, wenn sich die Kühe im Stall vorher nicht satt fressen konnten. In Irland ermöglicht diese Strategie den Landwirten die Weidesaison von Februar bis November auszudehnen. Was die deutschen Landwirte dabei noch lernen müssen: auch Kühe können lernen: „You can teach them everything!“ betont Sean O’Lionaird. Kühe verstehen nach kürzester Zeit, dass sie sich auf der Weide beeilen müssen und nicht lange herumliegen dürfen. Und die deutschen Landwirte mochten es nicht recht glauben, doch laut Sean O’Lionaird kommen Kühe auch gut mit täglich wechselnden Paddocks zurecht und erkennen, durch welches Tor sie gehen müssen, selbst wenn dies täglich ein anderes ist.

Bald wurde auch klar: Wenn man Kühe konsequent auf der Weide halten möchte, muss man seine Einstellung ändern: In Irland riskiert man es lieber, einen schmalen Weg durch Trittschäden zu verlieren, als die komplette Fläche ungenutzt zu lassen und dadurch unter dem Strich höhere Verluste zu machen. Kühe müssen nicht rund um die Uhr Zugang zu sehr gutem Futter haben, sondern können sich an feste Mahlzeiten gewöhnen, an denen sie sich satt fressen müssen, um anschließend einige Stunden zu Ruhen.

Neben vielen neuen Konzepten und Ideen erkannten so manche Landwirte auch Altbekanntes und längst überholt geglaubte Praktiken wieder. „Ach, dass ist doch wie die Portionsweide damals…“, „Blockabkalbungen gab es bei uns früher auch, aber dann haben die Molkereien durch den Milchpreis dagegen gesteuert“. In den letzten 30 Jahren war es für die norddeutschen Landwirte besser, im ganzen Jahr konstante Milchmengen an die Molkereien abzuliefern. Sie hörten auf, die Milchproduktion ihrer Kühe an das Wachstum des Grases anzupassen und erhöhten den Anteil von Kraftfutter und Mais in den Futterrationen. Bei guten Milchpreisen ist ein System mit viel Kraftfutter und hohen Einzeltierleistungen lukrativer als das Low-Input System der Weide. „Da könnte man die Kühe sogar mit Schoko-Riegeln füttern und man würde noch Geld verdienen“, erklärt Sean O’Lionaird. Durch die stark schwankenden Milchpreise gewinnt diese hier aufgegebene und in Irland perfektionierte Praxis wieder an Bedeutung. Am Ende der Diskussion wollten viele der anwesenden Landwirte an dem Projekt Weidecoach teilnehmen und erklärten sich bereit, Sean O’Lionaird und die anderen Landwirte auf Ihren Hof zu einem Farmwalk (Weiderundgang) einzuladen. Dabei wird auf dem Hof des Landwirts untersucht, wie dort die Weidenutzung intensiviert und effizienter gestaltet werden könnte und welche Besonderheiten beachtet werden müssen.

Nach dem er lange über die Vorzüge gesprochen hatte, wies Sean O’Lionaird am Schluss auch auf die Schattenseiten des Systems in Irland hin: durch die weggefallene Quote haben die irischen Landwirte ihre Produktion weiter ausgeweitet. Das System stößt an seine Grenzen, insbesondere in der Phase der Abkalbungen ist die Belastung der irischen Landwirte sehr hoch. Hier bewiesen die deutschen Landwirte dann ihre Lernfähigkeit und erwidertem Sean O’Lionaird: „The limiting factor is the farmer, not the labour“- Die viele Arbeit ist nicht das Problem, sondern deine Einstellung.

Einladung Auftaktveranstaltung

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