Lehnin - In der kleinen Gemeinde Kloster Lehnin im Landkreis Potsdam-Mittelmark in Brandenburg hielt man von der Idee, die Tiere 365 Tage im Jahr draußen zu halten, zu Beginn nicht besonders viel. Denn die Standortverhältnisse und die niedrigen Niederschlagsmengen von nur durchschnittlich 550 mm im Jahr sind nicht optimal für eine intensive Weidehaltung nach irischen Prinzip. Doch Paul Costello aus Galway, Irland und sein Team, nehmen die Herausforderung an. Das bedeutet: Grüne Weiden, Kreuzungstiere, saisonale Abkalbung und ein Ire im Osten Deutschlands.

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Jendrik Holthusen (Systemanalyse Milch) und Lena Dangers (Weidecoach) vom Grünlandzentrum Niedersachsen/ Bremen reisten Anfang August neugierig nach Brandenburg, um sich vor Ort selbst zu überzeugen. Getreu nach dem Motto „Voneinander Lernen“ fand so ein intensiver Austausch auf den Weideflächen mit dem Unternehmer Paul Costello von der Costello Group statt.

Von Beginn an war den erfahrenen Weidemanagern seines Teams bewusst, dass Brandenburg nicht Irland und Irland nicht Brandenburg ist und dass das ausgeklügelte Rotationsweidesystem an die ostdeutschen Verhältnisse angepasst werden muss. Nach der Ankunft und dem ersten Blick auf die überraschend grünen Weiden wurde deutlich, dass das Team die anhaltende Trockenheit bisher gut gemanagt hat. Aber was ist das Geheimnis? Wie managt man Gras bei extremer Trockenheit auf einem sandigen Standort?

Um dies herauszufinden, führten Paul Costello und sein Herden-(Weide-)manager uns über die voll arrondierten Weideflächen für die 600 Milchkühe des Betriebs sowie die umliegenden Moorflächen mit Sandauflage für knapp 500 Stück Jungvieh-Kreuzungstiere. Die Milchkühe sind in zwei Herden entsprechend ihrer Genetik aufgeteilt. Die HF-Herde wird seit Beginn der Trockenheit auf den Flächen nahe des Melkzentrums gehalten und direkt auf der Fläche mit Silage ausgefüttert. Die HF-Tiere weisen ein anderes Weideverhalten auf als die Kreuzungstiere (HF x Jersey) mit der irischen und neuseeländischen Weidegenetik. Daher werden die Flächen bei der derzeitigen Trockenheit nicht mehr gut von den HF-Kühen ausgeweidet und die Weidereste sind zu groß, sodass die Tiere voll auf Zufütterung umgestellt wurden. Anders ist das bei den Kreuzungstieren zu beobachten. Die nach Bedarf eingeteilten Weideflächen werden trotz Rostbefall und frühzeitigen Rispenschieben erstaunlich gut von den Kreuzungstieren ausgeweidet. Die Ration besteht aus nur 4 kg Kraftfutter, für die Verhältnisse beachtliche 8 kg Weidegras und 8 kg Maissilage.

Bei der Trockenheit sei es wichtig, dass die Nutzungseffizienz der Weiden nicht abnimmt, erklärte der Herdenmanager. Ein Weiderest von 50 kg TM/ha sei tolerierbar und schon sehr gut. Sofern ein Weiderest von mehr als 100 kg TM/ha auf der Fläche stehen bleibt, wurde nicht optimal abgezäunt und der Weidedruck war zu gering. Um die Zuteilung genau nach dem Trockenmassebedarf der Tiere anzupassen, misst der Herdenmanager einmal die Woche alle Flächen. Hierfür verwendet er den elektronischen Platemeter der Firma Jenquip. Die Messdaten können direkt über USB auf den Computer überspielt werden und die Daten werden in die Weide-Datenbank „AgriNet“ (zugehörig zur PastureBase Ireland) übertragen. Mithilfe der Feedwedge legt er seine Rotation fest und beginnt die Weideflächen für die nächste Beweidung vorzubereiten. „Der Zeitaufwand lohnt sich und zahlt sich insbesondere in den schwierigen Weidemonaten aus“, betonte der Weidemanager. Durch die witterungsangepasste Weideintensität erholen sich die Bestände in Brandenburg relativ schnell. Ende Juli wurden Zuwachsraten von 85 kg TM/ha/Tag (Irland: 67 kg TM/ha/Tag) gemessen. Fast unerklärlich bei diesen trockenen Bedingungen und schlechten Standortvoraussetzungen. Deshalb ist Paul Costello überzeugt, dass das Zusammenspiel aus gutem Weidemanagement, der Nährstoffversorgung, der Aufgeschlossenheit zum Ausprobieren und das irische Vertrauen in die Weide Gründe dafür sind.

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Werden die Flächen des Betriebs nicht optimal ausgeweidet, wird der Weiderest geschnitten und in Ballen gepresst. Hierbei ist es sehr wichtig, dass die Schnitthöhe bzw. die Weidehöhe oberhalb des Wachstumsknotens liegen. Es sollte nicht tiefer als 4-4,5 cm geweidet und geschnitten werden. Nach dem Schnitt werden die Flächen mit Schweinegülle, die auf dem Schweinebetrieb des Bruders anfallen, gedüngt. Ein Lohnunternehmer aus der Nachbarschaft hat sich dem Ideenreichtum der Costellos angeschlossen und probiert mit den Iren gerne neue Wege aus, weshalb er vor Kurzem in eine Schlitztechnik investierte. Die Schweinegülle ist flüssiger und lässt sich gut über die Technik in ein bis drei Zentimeter einschlitzen. Das Gras nimmt die Gülle dire

 

kt an der Wurzel auf und die offene Narbe erholt sich durch die anschließende Beweidung und Anregung der Bestockung sehr schnell. Die Nährstoffgaben erfolgen nicht konzentriert in zwei bis drei Gaben, sondern reduziert und regelmäßiger.

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Bilderunterschrift: Gülleapplikation in eine kurze Narbe (oben), Weidereife von 1000-2000 kg TM/ha

 Als die sich eine anhaltende Trockenphase abzeichnete, wurde der Weideanteil zu Beginn der in der Ration der abnehmenden Zuwachsrate angepasst. Die Tiere wurden bereits in Bestände mit 1000 kg TM/ha getrieben. Im Frühjahr lag die optimale Weidehöhe hingegen bei 1400 kg TM/ha. In den nächsten Wochen wird der Herdenmanager den Weideanteil in der Ration von 8 kg TM/Tier auf 10 kg TM/ Tier steigern und den Silageanteil reduzieren, da die Zuwachsraten stiegen und sich das Blatt:Stängel-Verhältnis des Grases verschiebt. Die Bestände werden dadurch blattreicher und schmackhafter. Außerdem ist es wichtig, dass das vom Rost befallene Pflanzenmaterial abgetragen bzw. kurz beweidet wird, um eine rasche Verbreitung zu verhindern. Trockenheit, Hitze und Nährstoffmangel fördern den Befall – diese Befallsintensität sei der Herdenmanager aus Irland nicht gewohnt, sodass er in Zukunft bei der Sortenwahl verstärkt auf Rostresistenz achten wird. Neben der Rostresistenz legt er ebenfalls ein besonderes Augenmerk auf die Winterhärte. Denn die Umweltfaktoren und die klimatischen Bedingungen in Brandenburg sind anders als in Irland. Heiß und trocken im Sommer, kalt und trocken im Winter sowie Gänseschwärme von November bis März. „Hier muss man schnell nach anderen Herangehensweisen suchen oder lernen damit umzugehen“, sagte Costello. Die Kühe sind während der Trockstehzeit auf einem abgeernteten Maisfeld und werden täglich mit Silage und Heu zugefüttert. Stroh- und Heuballen bieten den Tieren Schutz vor Wind. Das wäre in Irland aufgrund der feuchten Winter nicht möglich.

Auch die irischen Managementlösungen wie der Herbstweideplaner funktionieren in Ostdeutschland nicht. Die Gänse fressen den kompletten Herbstaufwuchs, der eigentlich im Frühjahr als erstes Weidegras genutzt werden sollte. Die Weidesaison beginnt also verspätet Ende März/Anfang April – und nicht wie gewohnt im Februar. Demnach ist es sehr wichtig ausreichend Silagen in guter Qualität vorzuhalten, um gegebenenfalls lange Winter zu überbrücken und den frischabgekalbten Kühen eine gute Futtergrundlage zu Laktaktionsbeginn zu bieten.

Beide Herden kalben im Februar auf den sandigen, unbewachsenen Flächen im Block ab. Während dieser Zeit werden viele Mitarbeiter benötigt, um die Kälber zeitnah von der Fläche zu holen, mit Kolostrum zu versorgen und die ersten Kühe zu melken. Costello bekommt zu der eindeutig stressigsten Zeit des Jahres viele junge Studenten aus Irland, die ihr gefordertes Praktikum im Ausland absolvieren und nach drei Monaten Praktikum viele neue Eindrücke und Ideen mit nach Hause nehmen. Besonders in diesem Frühjahr wären einige Iren beruhigter gewesen, wenn sie so viel gute Silagen vorrätig hätten, wie es ihr Landsmann in Brandenburg hatte.

Das Beispiel Costello und der Besuch des Grünlandzentrums Niedersachsen/Bremen beweisen eindrücklich, dass ein Austausch zwischen den Ländern Deutschland und Irland spannend ist. Der Betriebsleiter wünscht sich für die Zukunft ein gutes Netzwerk zwischen deutschen Weidebetrieben, sodass er von den Erfahrungen anderer lernen kann, die mit den Standortverhältnissen vertraut sind. Für diesen Zweck bieten Diskussionsgruppen eine gute Plattform – nicht nur für den Austausch, sondern auch, um voneinander zu lernen.

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Kontakt: Lena Dangers, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!



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